Postfaktisch – Rückblick und Ausblick: 2016 – 2017

Es hat sehr lange gedauert, bis ich die neue Werteskala verstanden habe: Welche Temperatur wir haben, bestimmt nicht das justierte Thermometer, sondern die von mir gefühlte Temperatur. Persönliche Gefühle überlagern getroffene Vereinbarungen und Regeln.

Nun hat dieses Phänomen auch einen offiziellen Namen erhalten: Postfaktisch.
Wir leben in einer postfaktischen Zeit, in der nicht Fakten, sondern Gefühle zählen.

Die Eutonie führt uns dazu, unsere körperliche Sensibilität zu entwickeln, uns als Körper zu fühlen und uns mit unseren Gefühlen zu identifizieren.

Die Aussagen von António Damásio „Ich fühle, also bin ich“ und von Christian Morgenstern „Der Körper ist der Übersetzer der Seele ins Sichtbare“ werden real erlebt. Das kann dazu führen, dem eigenen Gefühl bei allen Entscheidungen die Priorität zu geben.

Damásios Satz „Ich fühle, also bin ich“ löst den Satz René Descartes „ Ich denke, also bin ich“ nicht ab und führt nicht zu einer neuen Dualität, die Descartes heute vorgeworfen wird, sondern ergänzt ihn in Anerkennung der Einheit von Körper, Geist und Seele.

Der Mensch in seiner Ganzheit lebt aus dem Zusammenwirken dieser drei Ebenen. Ein ausgewogenes Gleichgewicht zwischen ihnen sorgt für seine Gesundheit: „Gesundheit ist ein Zustand vollkommenen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefindens und nicht allein das Fehlen von Krankheit und Gebrechen.“*)

Als geistiges und bewusstes Wesen ist dem Menschen das Selbst-Bewusstsein gegeben, sich als Körperwesen wahrzunehmen und zu erkennen. Das eigene Handeln entsteht aus einem sinnlich-psychischen Fühlen und dem Denken: Fühlen – Denken – Handeln.

Die Plastizität des Gehirns befähigt den Menschen zu einer Regulierung der Balance zwischen Körper, Geist und Seele. Es ist eine menschliche Aufgabe, dieses innere Zusammenwirken zu fördern und zu entwickeln. Aus ihr entsteht die Kompetenz für ein verantwortliches Handeln.

In der Bibel steht: Der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach (Matthäus 26,41). Plagt uns nicht auch die umgekehrte Version: Der Körper ist willig, aber der Geist ist schwach?

Für das soziale Miteinander der Menschen sind ethische Richtlinien notwendig. Vereinbarte Regeln für den Umgang miteinander sind formulierte Verbindlichkeiten, die den Umgang untereinander regeln und den Menschen in seinem Beziehungsgeflecht schützen. Verweigert er sich ihnen in dem Bestreben nach individueller Freiheit, verliert er diesen Schutz.

Regeln sind nicht durch Gefühle zu ersetzen, auch nicht aus tiefster religiöser Überzeugung. Sebastian Castellio, französischer Humanist und protestantischer Theologe, schrieb im Jahr 1578 in einem Brief: „Einen Menschen zu töten heißt nicht, eine Lehre zu verteidigen, sondern einen Menschen zu töten.“ Eine Aussage von erschreckender Aktualität!

Ein Blick auf das Jahr 2017: Was fordert mein Leben und mein Beziehungsgeflecht von mir? Martin Luther wird zu einem der großen Themen des Jahres. Ihm wird der Satz zugeschrieben: „Und wenn ich wüsste, dass die Welt morgen unterginge, so würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen.“

Voltaire gibt den Rat: „Da es sehr förderlich für die Gesundheit ist, habe ich beschlossen, glücklich zu sein.“ Im letzten Satz seiner Novelle Candide heißt es: „… es ist Zeit, unseren Garten zu bearbeiten.“ Ein Glück, den eigenen Garten bearbeiten zu können.

*) Definition der Weltgesundheitsorganisation (WHO)