Eutonie Gerda Alexander

Eutonie bezeichnet eine angemessene körper-seelische Spannung und Stimmung.

Der Wirksamkeitsanspruch der Eutonie-Methode wird begründet durch die Autopoiesis. Autopoiesis wird als Prozess der Selbsterschaffung und Selbsterhaltung lebender Einheiten von Maturana und Varela benannt und erklärt . 

Die Eutonie-Methode versteht sich als Hilfe für den Alltag. Sie fördert in jedem Menschen den flexiblen Tonus, mit dem er sich angemessen auf die wechselnden Situationen des Lebens einstellen kann, um auf seine biosoziale Umwelt zu reagieren. Damit fördert sie die Kompetenz der Verantwortung für die eigene Gesundheit und die Fähigkeit, sich ohne Selbstverlust in die soziale Umwelt zu integrieren.

Gerda Alexander sprach von der Fähigkeit, Körper, Seele und Geist einzustellen auf die „Wirklichkeit des Augenblicks“.   

Die Wirklichkeit des Augenblicks entspricht immer der persönlichen Wahrnehmung des menschlichen Individuums: Ich nehme wahr, was für mich in diesem Moment wahr ist.

Die Eutonie-Methode ist ein Handwerk. Das Handwerk widmet sich dem Körper des Menschen mit seinen Strukturen und Funktionen in der Wechselwirkung mit seiner biosozialen Umwelt.

Handwerkszeug sind die Eutonie-Prinzipien. Sie fokussieren einzelne Phänomene des Körpererlebens. Als Wirkfaktoren machen sie die besondere Qualität der Phänomene erlebbar. Beispiele:

  • Berührung: Selbstwahrnehmung durch sensorische Stimulierung. Die Haut wird als Grenze des eigenen Körpers erlebt. Die Umwelt wirkt durch die Haut nach innen: Ich spüre mich.
  • Kontakt: Das aufmerksame Spüren geht über die eigene Körpergrenze hinaus (Transsensus). Beziehung zur Umwelt entsteht: Ich bin beteiligt an dem Dialog zwischen Innen und Außen.
  • Transport: Die menschliche Aufrichtung durch den Widerstand des Bodens und gegen die Schwerkraft wird erfahren: Ich stehe in der Welt.

Die Prinzipien werden analytisch-methodisch als Übungsmittel zur Tonusregulierung eingesetzt. Bestehende Tonusstörungen bestimmen, welche Prinzipien angewandt werden und wie sie unterschiedlich miteinander kombiniert werden, um die vorliegende Tonuslage zu erhöhen oder zu senken und die Tonusflexibilität zu fördern.

Das Bewusstsein für die Wechselwirkungen zwischen der Innenwelt und der Außenwelt entwickelt sich. Das Verständnis für Andere erfordert, sich selbst zu finden und zu verstehen. Darum führt die Eutonie den Menschen zuerst zu sich selbst:

Er kann nur das hingeben, was er hat. Sonst kann Hingabe zu einem Selbstverlust führen.

Bei sich sein - sich nach außen öffnen - das Empfangene wirken lassen - reagieren.

Jeder einzelne Mensch lebt in seinem persönlichen Beziehungsgeflecht, das wiederum  eingebunden ist in das große Netz der Wechselwirkungen der ganzen Welt.

Soziale Beziehungsfähigkeit war und ist der Sinn der Eutonie Gerda Alexander.

Wir können bereit sein und uns dazu entschließen, ein Teil in einem Beziehungsgeflecht zu sein. Dann gelingt es, sich gemeinsam für etwas einzusetzen; „shared attention“.

Die Bereitschaft und die Fähigkeit, einander zuzuhören und zu verstehen, bedeutet nicht, der gleichen Meinung zu sein. Meinungsverschiedenheit fordert zum Brückenbau auf. In unserem Lebensraum können wir als Brückenbauer wirken und gestalten. So werden wir zum Teil des Ganzen und finden darin Zugehörigkeit und Geborgenheit.

Humberto Maturana, Francisco Varela: Baum der Erkenntnis, 1984

Gerald Hüther: Die Evolution der Liebe, Göttingen 2007